Der Beitrag Wie der Suizid meines Bruders alles änderte erschien zuerst auf Mama hat AuDHS.
]]>Das ist der schwierigste, traurigste und befreiendste Blogbeitrag den ich je geschrieben habe. Für mich ist das Schreiben über meine Gefühle eine Therapie. Aber dieser Blogbeitrag ist nicht nur für mich, er ist auch für Dich mein kleiner Bruder. Ich vermisse Dich so unglaublich!
Gehen wir zurück zu dem Tag an dem ich die Nachricht bekam: der 16. Dezember 2020.
2020 war sowieso schon ein seltsames Jahr. Erst Corona (ja, ich weiß, das böse C-Wort!), dann starb meine geliebte Oma an ihrer dritten Krebserkrankung. Sie war so eine starke Frau! Mich wurmt es bis heute, dass ich mich über FaceTime verabschieden musste und meinen Bruder auf der Beerdigung nicht umarmt habe. Da hatte ich ihn das letzte Mal lebend gesehen. Am 22. September kam schließlich meine zweite Tochter auf die Welt in dieser wunderbar überwältigenden Hausgeburt. Das Wochenbett und die Zeit darüber hinaus waren sehr anstrengend und der Alltag teilweise kaum zu bewältigen. Aber das ist eine andere Geschichte – für diese ist eigentlich nur wichtig zu wissen, dass ich sowieso schon überlastet und überfordert war.
Am 16. Dezember also sollte sich alles ändern. Ich hatte sowieso schon ein schlechtes Gewissen, weil meine (andere) Oma ihren 80. Geburtstag feierte und ich noch nicht angerufen hatte. Es kündigte sich mit einer WhatsApp-Nachricht von meinem Vater an: “Ist Dennis gerade bei dir?”
Irgendwie seltsam, kein Hallo und nix – hatte wer von uns beiden was angestellt und ich hatte es nicht mitbekommen? In mir machte sich ein seltsam flaues Gefühl in der Magengegend breit. Ich antwortete: “Ja der ist im Home-Office. Wieso?” Mein Vater: “Können wir telefonieren?” Ich: “Klar”
Ich war mir ziemlich sicher, dass irgendetwas nicht stimmte. Dann klingelte mein Handy und Papa hörte sich irgendwie leise und bedrückt an. Er bat mich darum mich hinzusetzen, also nahm ich am Wohnzimmertisch Platz und bestätigte dies. Dann erzählte er es mir: “Es ist etwas schreckliches passiert… Der Max hat sich umgebracht.” Stille. Ich starrte ins halbdunkle Wohnzimmer und versuchte in meinem Gehirn irgendwie einzuordnen was ich gerade gehört hatte. Meine Gedanken sprangen zu meinen beiden Brüdern Max und Felix, irgendwie brachte ich das Gesagte nicht mit meinem Bruder zusammen. Ich brachte nur ein ersticktes “Was?” heraus. Und ich glaube dann sickerte es langsam durch und ich fragte mehrmals nach, sagte immer wieder “Nicht mein Max!”. “Was hat er denn gemacht?” Er hatte sich ein Hotelzimmer genommen, sich seinen Anzug angezogen und mit Helium erstickt. Mein Vater weinte, ich weinte… es war ein einziger Schock. Ich lief mit dem Handy irgendwie im Wohnzimmer umher und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Das konnte und wollte ich nicht glauben! Nachdem wir noch ein wenig geredet hatten kamen wir drauf: Mama weiß es noch nicht! Scheiße, sie feierte gerade bei meiner Oma den Geburtstag und hatte keine Ahnung. Felix hatte es durch die Polizei und einen Seelsorger erfahren, mein Vater genauso. Meine Mutter hatten sie noch nicht benachrichtigen können, da sie ja nicht zu Hause war. Von mir hatte die Polizei keine Adresse, daher übernahm mein Vater den Anruf. Dennis kam im Laufe des Gesprächs aus dem Büro runter und legte die Hände auf meine Schultern, später redete er noch mit Papa am Handy. Mein einziger Gedanke im Kopf war – was ist mit Mama? Was – wie machen wir das bloß? Außerdem erzählte Papa, dass es einen Abschiedsbrief gebe, aber da stehe nicht drin warum mein Bruder sich getötet hatte. Er sendete mir ein Foto davon. Ihn zu lesen war schrecklich, aber auch ich fand keinen Anhaltspunkt: Warum?
Es war Abend und meine Mama wohnt 1 1/2 Stunden entfernt. Ich wollte nicht, dass sie alleine ist, wenn die Polizei und der Seelsorger sie besucht hatten. So beschlossen wir, dass Dennis mit Emily losfahren und sie zu uns holen würde. Ich kümmerte mich derweil um Feenja, lag einfach nur gelähmt und weinend im Bett neben ihr. Mit einem guten Freund konnte ich zum Glück direkt darüber schreiben, es half mir sehr die Zeit zu überbrücken. Dann beschloss ich meine Mama selbst anzurufen, bevor Dennis oder die Polizei kommen würden. Aber nicht solange sie noch bei meiner Oma feierte. Das Telefonat war schrecklich für uns beide, aber ich bin trotzdem froh, dass ich das übernommen hatte. Ich blieb so lange mit ihr am Hörer bis Dennis ankam – tatsächlich gleichzeitig mit der Polizei. Eigentlich wollte sie erst nicht mit zu uns, aber im Nachhinein war sie dann doch froh nicht alleine zu sein. Die nächsten Tage überlebten wir eigentlich alle nur irgendwie. Dennis, Mama und Papa nahmen sich Urlaub, wir telefonierten viel, schwiegen gemeinsam, weinten. Keiner von uns konnte oder wollte es glauben. Schon ab dem ersten Tag mussten meine Eltern vieles regeln. Der Körper meines Bruders wurde erst mal von der Staatsanwaltschaft übernommen, um zu untersuchen ob keine Straftat vorlag. Es ist so viel zu tun wenn ein Mensch stirbt… Überführung, willst du den Toten noch einmal sehen?, Sarg oder Urne?, Totenschein, Beerdigung – und die Trauer? Wo bleibe ich mit meinem Schock und meiner Trauer? Kann ich so schnell überhaupt schon trauern?
Ich versuchte viel zu reden, ich schlief schlecht, abends hatte ich teilweise einen Verwesungsgeruch in der Nase und anfangs weinte ich jeden Tag. Mein Bruder sollte nicht mehr da sein? Wieso? Das ergibt doch keinen Sinn? Warum? Wie hätten wir das verhindern können?
Plötzlich hielten wir alle ganz eng zusammen. Meine Eltern redeten wieder miteinander, meine Mutter konnte sogar mit meiner Bonusmama sprechen. Dennis war der Fels in der Brandung und das ist er immer noch. Ich bin so dankbar für die vielen liebevollen Menschen in meinem Leben, die sofort Unterstützung und Hilfe anboten und einfach da waren. Einige wenige haben sich zurückgezogen, was ich vollkommen verstehen kann. Leider gab es auch eine nahestehende Person, die damit gar nichts anfangen konnte; uns mit ihren Themen zusätzlich sehr belastete und kein Verständnis für die Situation aufbringen konnte. Das ist aber eine persönliche Geschichte, über die ich in diesem Beitrag nicht schreiben möchte.
Nicht mal einen Monat später, also fast zu schnell am 7. Januar, beerdigten wir meinen Bruder im engsten Familienkreis in einem wunderschönen Friedwald. Sein Baum ist ein wenig versteckt und sehr gerade; meine Eltern haben genau den richtigen Platz ausgesucht. Mein zweiter jüngerer Bruder hatte ein sehr schönes Bild gestaltet, welches wir am Andachtsplatz aufstellten. Die beiden standen sich sehr nahe, schon von kleinauf. Während der gesamten Beerdigung stand ich völlig neben mir und auch danach wollte ich einfach nicht wahr haben, dass das die Asche meines Bruders in der Urne ist. Trotzdem half uns dieser kleine Abschied in der Trauer ein Stückchen weiterzugehen. Wir durften eine Kleinigkeit mit ins Grab legen. Ich schrieb ihm einen Brief und faltete daraus eine Origami-Lilie, die er als Kind so oft bastelte und uns schenkte. Emily und mein kleinster Halbbruder spielten um uns herum im Wald und lockerten so die traurige Stimmung etwas auf. Das hat uns glaube ich allen gut getan.
Meine Mama brachte die Traumsteine meines Bruders mit, die früher immer unter seinem Kopfkissen lagen. Vor dem schlafen gehen sagte er immer seinen Spruch: “Ich wünsch’ Dir ganz viel Glück, damit Du ganz viele schöne Träume hast!” Das wünschte ich ihm nun ein letztes Mal.
Ich hoffe da wo du jetzt bist hast Du schöne Träume und den Frieden, den Du Dir gewünscht hast kleiner Bruder!
Mit dem Ausräumen seines WG-Zimmer und dem Beginn des Frühlings kann ich nun irgendwie akzeptieren, dass er tot ist. Annehmen mag ich es noch nicht so recht. Der Suizid hat mich verändert. Die genauen Auswirkungen kenne ich noch nicht alle, aber ich denke nun anders über den Tod. Zum einen habe ich gesehen was ein unangekündigter Suizid mit den Hinterbliebenen macht – ich werde nie wieder darüber nachdenken mich selbst töten zu wollen! An dem Punkt stand ich schon einige Male, das könnt ihr sogar hier nachlesen. Zum anderen habe ich mich viel mit dem Thema beschäftigt und habe keine Angst mehr vor dem Tod. Im Gegenteil, ich kann das Leben viel mehr annehmen und leben, wenn ich weiß es ist irgendwann vorbei. Und das ist beruhigend und gut so. Ich will ja gar nicht ewig leben.
Was mich auch nicht mehr arg belastet ist Corona oder dass Feenja öfter anstrengend ist. All diese Probleme kommen mir jetzt oft klein und nichtig vor. Es sind trotzdem anstrengende Hindernisse im Alltag, aber ganz ehrlich – ich würde ein dauerhaftes Leben mit Pandemie und Maßnahmen und Schlafmangel sofort eintauschen, wenn dafür mein Bruder wieder leben würde. Ich bin teilweise schon wieder der fröhliche Mensch, der ich vor dem Suizid war, aber die Trauer wird für immer mein ständiger Begleiter sein und mich mal mehr, mal weniger einnehmen.
Es hat mir gezeigt auf wen aus meiner Familie und von meinen Freunden ich mich verlassen kann und wo ich Unterstützung bekomme. Mit vielen fühle ich mich jetzt enger verbunden als vorher.
Am Ende dieses Beitrages fehlen mir die Worte, so wie sie mir zu dem Suizid meines Bruders irgendwie fehlen. Aber ich möchte dieses wichtige Thema nicht unausgesprochen lassen. Solltest du also merken, dass es dir schlecht geht oder jemandem in deiner Familie/deinem Bekanntenkreis, dann wende dich an die Telefonseelsorge, die immer erreichbar ist:
Die TelefonSeelsorge® ist für jeden da, für alte und junge Menschen, Berufstätige, Hausfrauen, Auszubildende oder Rentner, für Menschen jeder Glaubensgemeinschaft und auch für Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit. Rund eine Million Gespräche werden jedes Jahr geführt, kostenfrei und rund um die Uhr. Denn Sorgen wiegen schwer und sie richten sich nicht nach Tages- oder Öffnungszeiten. Dafür haben wir auch mitten in der Nacht ein offenes Ohr. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sich ihrer verantwortungsvollen Aufgabe bewusst und nehmen Ihren Anruf ernst – egal, ob um acht Uhr morgens oder um Mitternacht.
Fühl Dich lieb gedrückt und bleib gesund
Deine Julia Amelie
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]]>Der Beitrag Comic-Strip: Depression erschien zuerst auf Mama hat AuDHS.
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Laufe wer kann! Ich habe mal wieder gezeichnet… Darin habe ich zwar keine Übung, aber ich schätze ich kann die Gefühle trotzdem gut rüberbringen. Auch wenn mein Mann dazu kichert und “Süß” sagt… *grml*
Dann übe ich mal weiter, vielleicht kommt bald die nächste Zeichnung von mir!
Deine Julia Amelie
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]]>Der Beitrag 30. Blogtober – Mein Sternenkind – Trauer auch nach 26 Jahren erschien zuerst auf Mama hat AuDHS.
]]>Ich kann es noch spüren, vor genau 26 Jahren verlor ich mein erstes nicht geborenes Baby in der 8. SSW.
Ich war 19 Jahre jung, verliebt & verlobt, glücklich und in der Ausbildung zur Kinderpflegerin. Ich liebe Kinder und ich wollte immer mit Kindern arbeiten und selbst viele Kinder bekommen.
Meine erste Schwangerschaft, Aufregung, Unsicherheit, Stolz und etwas Angst, was kommt da auf mich zu.
Etwas naiv bin ich an die Schwangerschaft herangegangen, alles was ich wusste war: Übelkeit in den ersten 3 Monaten ist normal, der Körper verändert sich, auftretende Stimmungsschwankungen, nicht schwer heben, regelmäßig zum Gynäkologen gehen, auf gesundes Essen achten, auf gute Eisenwerte achten und kein Alkohol trinken.
Alles war so klar, in 9 Monaten wirst du dann ein kleines Würmchen im Arm halten! Fehlgeburt war für mich ein Fremdwort!
Ich kannte es nicht und wusste davon auch nichts. Schwangerschaftsprobleme gab es in Deutschland für mich nicht!
Bis Tag X ! 01.10.1993 es war ein Freitag, ich ging auf die Toilette, mir war irgendwie komisch und da war mein heranwachsendes Baby in meiner Binde! Schock und starr mit Herzrasen bin ich zu meinem Ex-Mann gegangen und hielt ihm das Kind einfach unter die Nase!
Wir sind dann ins Klinikum gefahren. Dort angekommen wurde ich abgefertigt wie in Massen, ich bekam mein Baby im Reagenzglas mit und es hieß, dass ich eine Fehlgeburt hätte !
Es war Freitag. „Bitte kommen sie am Montag wieder, damit wir die Ausschabung vornehmen können und bringen sie das Reagenzglas mit ! Sie sind noch jung und können noch viele Kinder bekommen“ !
Wie unter Trance und Schock bin ich zu meinem Ex-Mann gelaufen und wir nahmen uns in die Arme, weinten, weil ich mein Baby verloren hatte!
Wie in Trance bin ich nach Hause gefahren und alle meinten: „Du bist jung, das wird wieder, reiß dich zusammen, du wirst noch viele Kinder bekommen, für Trauer ist keine Zeit!” Ich habe mich entsetzlich gefühlt und mit jeder Schwangerschaft war die Angst da, es könnte wieder passieren!
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich durch meine 3. Fehlgeburt, also 18 Jahre später, dieses Thema so einigermaßen aufgearbeitet habe!
Ich denke an dich mein nicht geborenes Baby! Am 01. Oktober diesen Jahres war dieser Tag und es macht mich nicht mehr traurig – es ist vielmehr der Umgang damals mit mir, der mir sehr zugesetzt hat! Diesem Tabuthema „Fehlgeburt“ möchte ich Raum geben, so wie ich ihn mir genommen habe, damit sich keine Frau zu schämen braucht, sie ein Recht hat zu trauern, wegen dem, was in ihr gewachsen und jetzt plötzlich weg ist!
Nehmt Euch Zeit und Raum, so wie ich ihn mir immer noch nehme, 26 Jahre danach! Trauer hat keine Regeln, es wird leichter, mein erstes Sternenkind hat ein Platz in unserer Familie und ich habe mich versöhnt mit diesem wunderbaren Wesen. Ich wünsche Dir, Du das jetzt liest, das Du Deinem Sternenkind Raum gibst und es ganz fest an Dein Herz drückst und ihm Dankst für seinen Lebensimpuls für Dich.
Ich denke an dich, mein erstes nicht lebendes Baby und spüre in meinem Herzen, dass ich dich liebe und Du für immer einen Platz in unserer Familie haben wirst!
Deine Mama
PS: wollt ihr Euch die ganze Geschichte auf Youtube anhören, hier ist der Link:
Manuela Schillinger- Gabriel, Mutter von 8 Kindern, davon 4 Sternenkinder, hat sich auf das Thema Trauer und Trauerbewältigung spezialisiert, wobei sie in Kursen Hilfe für Trauernde anbietet, damit sie wieder in das neue Leben zurückfinden können.
Durch ihre eigene Biographie hat sie selbst erfahren ,wie der Trauerweg gegangen werden kann, damit man nicht in der Trauer feststeckt und zurück in das Leben findet. Diese einfache Frau hat mehr Schicksalsschläge erlebt, als jeder andere und hat dennoch eine große Tiefe, Wissen und Liebe in sich.
Sie ist achtfache Mutter von vier lebenden Kindern und vier Sternenkinder. Durch den Suizid ihres zweiten Ehemannes, die Trauer um ihre 4 Sternenkinder, das nicht aufwachsen ihrer zwei Erstgeborenen Kinder aus erster Ehe und dessen Trauerbewältigung mit professioneller Hilfe fasste sie den Entschluss, anderen Trauernden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Durch Qualifikation und Weiterbildung zur intuitiven und holistischen Trauerbegleiterin, Autorin, Kongressveranstalterin und Kongresssupport und Mindsetbegleiter, systhemische,- aroma – und familientherapeutischer Beraterin mit den Schwerpunkten EFT, Aroma, Systhemische, Aktive und Ernährungsberatung hat sie ihr Wissen erweitert und vertieft. Mit diesem Wissen kann sie Trauernden helfen, die Trauer anzunehmen um in ein neues Leben zu finden.

Webseite: www.manuelaschilingergabriel.com
Online Kongressseite: www.mut-zur-trauer.com
Private Sternenkindermama Facebook Gruppe: https://www.facebook.com/groups/SternenkinderMamas/
(Bilder von Manuela Schillinger-Gabriel)
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]]>Der Beitrag 11. Blogtober – Infothema: Postnatale/Postpartale Depression erschien zuerst auf Mama hat AuDHS.
]]>Begriffserklärung postnatal/postpartal
Postnatal und postpartal werden in der psychiatrischen Fachsprache praktisch gleichgesetzt: >>post<< bedeutet >>nach<< in der lateinischen Sprache, >>natus<< ist die >>Geburt<<. >>Partus<< kommt ebenfalls aus dem Lateinischen und bedeutet >>Entbindung<<. >>Postpartal<< bedeutet also >>nach der Entbindung<<, >>postnatal<< dagegen ganz korrekt >>nach der Geburt<<, nämlich aus der Sicht des Kindes. In der Praxis wird es aber auch für >>nach der Entbindung<< verwendet.
Rohde, Anke: Postnatale Depressionen und andere psychische Probleme. Ein Ratgeber für betroffene Frauen und Angehörige. Stuttgart 2014, S. 18.
Im englischen Sprachraum und besonders in der dortigen Umgangssprache wird üblicherweise die Bezeichnung >>postnatal<< verwendet. Obwohl in der deutschen Fachsprache der Begriff >>postpartal<< korrekter ist, setzt sich auch bei uns in der Umgangssprache und in der Wissenschaftssprache immer mehr die Bezeichnung >>postnatal<< durch. (…)
Umgangssprachlich ist oft von der >>Wochenbettdepression<< die Rede. (…)
Eine postnatale Depression kann in den ersten Tagen, Wochen sowie erst Monate nach der Geburt auftreten. Bei mir begann sie schleichend nach etwa eineinhalb Jahren als Begleitung des verdrängten Geburtstraumas. Die Dauer variiert stark und hängt auch davon ab ob sich die Person in Behandlung begibt. Normalerweise dauert sie einige Wochen bis Monate. Mir ging es während der Depression mal schlechter, mal besser, aber ohne Behandlung wurde es stetig schlimmer. Nachdem ich in Therapie war und der ganze Schmerz hochgeholt wurde ging es mir erst mal sogar noch schlechter bevor es dann stetig bergauf ging.
Konzentration/Gedächtnis
Konzentrationsstörungen, manchmal Gedächtnisprobleme
Denken
Grübeln, Denkverlangsamung, Denkhemmung
Antrieb
Lust- und Interesselosigkeit, Antriebsminderung, Apathie, sozialer Rückzug, Bewegungsunruhe
Affektivität
Depressivität, Versagens- und Schuldgefühle, als unzureichend empfundene Mutter-Kind-Gefühle, innere Unruhe, Gereiztheit/Aggressivität
Ängste
Unbestimmte Angst, Panikattacken
Zwang
Zwangsgedanken und -impulse (z.B. dem Kind etwas anzutun), selten Zwangshandlungen (z.B. Waschzwang)
Schlaf
Einschlaf- und Durchschlafstörungen, Früherwachen
Suizidalität/Autoaggressivität
Lebensmüde Gedanken, Suizidgedanken, selten Suizidhandlungen, selten selbstverletzende Handlungen
Somatische (körperliche) Symptome
Müdigkeit, Appetitminderung, Gewichtsverlust, Druckgefühl in der Brust, Kloßgefühl im Hals, vielfältige andere körperliche Missempfindungen und Schmerzen
Produktiv-psychotische Symptome
Nur bei schwerer psychotischer Depression depressiver Wahn (z.B. Schuldwahn)
Rohde, Anke: Postnatale Depressionen und andere psychische Probleme. Ein Ratgeber für betroffene Frauen und Angehörige. Stuttgart 2014, S. 20.
Viele der Symptome erkenne ich direkt wieder. Das kannst du in meinem Blogartikel Von der Geburt zur Depression nachlesen.
Da ich es nicht hätte besser schreiben können habe ich sehr viel aus dem wunderbaren Ratgeber von Prof. Dr. med. Anke Rohde zitiert.
Kaufen kannst du ihn hier (Affiliate-Link):
Liebe Grüße
Deine Julia Amelie
Photo by Sydney Sims on Unsplash
Der Beitrag 11. Blogtober – Infothema: Postnatale/Postpartale Depression erschien zuerst auf Mama hat AuDHS.
]]>Der Beitrag Was ist wenn ich nicht mehr leben will…!? erschien zuerst auf Mama hat AuDHS.
]]>Eben habe ich meinem Mann gebeichtet, dass ich nicht mehr leben will. Wie nimmt einer so eine Nachricht auf? Es hat ihn sicher überfordert, denn er sagte nach einer Weile: “Bitte geh zum Therapeuten!”
Dabei war das für mich ein sehr wichtiger Schritt, denn ich habe diese Gedanken nicht zum ersten Mal. Und jedes Mal weiß ich ein Stückchen besser wie ich wieder glücklich werden kann. Das wird hier keine Anleitung von mir wie du Depressionen überwinden kannst. Nein…
Ich möchte dich mitnehmen wie ich mich Schritt für Schritt und Träne für Träne wieder in’s Leben hole. Tief im Inneren weiß ich, dass ich das kann – denn wie gesagt, ich tu das nicht zum ersten Mal.
Ich darf traurig sein,
Ich darf weinen,
Ich darf sein!
Lass diese Gefühle zu, die Panik, die Traurigkeit, den Schmerz und lass es raus! Ich habe mich komplett darin versinken lassen; also alles hochkommen lassen was mich in den letzten Wochen verletzt hat. Immer öfter habe ich versucht darüber zu schreiben, aber es gelang mir nicht. Ich habe versucht darüber zu reden, aber ich hatte einen Knoten im Hals. Dafür war ich einfach noch nicht bereit gewesen. Erst mussten die Gefühle raus, musste mein Inneres ein wenig angesehen und der Schmerz zugelassen werden. Das wird bei jedem unterschiedlich sein. Bei mir hat es einige Wochen gedauert, denn es kommen immer wieder neue Probleme dazu, die sich anstellen und darauf warten – nicht behoben zu werden – einfach losgelassen zu werden.
Wenn ich Probleme habe versuche ich sie meistens alleine zu lösen. Dann ziehe ich mich zurück und grüble ewig darauf herum. In den letzten Wochen habe ich vieles durchgemacht und auch da wusste ich nicht wie ich oder jemand anderes mir direkt helfen konnte. Über die Probleme selbst habe ich geredet, aber was diese mit mir gemacht haben – das konnte ich nicht in Worte fassen. Daher ist es mir in der ersten Zeit oft nicht möglich mir Hilfe zu holen, weil ich nicht weiß was ich eigentlich brauche. Ich bin sehr dankbar für die vielen lieben Menschen – ja ich rede von euch Manuel, Sibylle, Verena, Isabel, Tabea und vielen mehr – die sofort für mich da waren. Nur konnte ich mich nicht öffnen, auch wenn ich es wollte.
Heute beim Frühstück ist es dann endlich rausgekommen und ich habe meinem Mann alles erzählt was in mir vorgeht. Das ich eigentlich gerade nur leben will um für meine Tochter da zu sein, dass ich mich trotz allem (schöne Wohnung, nette Nachbarn usw.) unglücklich und schrecklich alleine fühle.
Und jetzt… sitze ich auf dem Sofa, kuschel mit meiner Kleinen und schreibe diesen Blogartikel. Das tut verdammt gut. Ich weiß wie sensibel dieses Thema ist. Aber Tabu sollte es nicht sein!
Vor zwei Tagen habe ich Google durchforstet. Wie bringe ich mich am einfachsten und schmerzlos um? Es ist nicht so einfach wie ich dachte… und sehr erstaunt war ich über die vielen Bücher die es dazu auf Amazon gibt.
Früher habe ich nicht verstanden wie jemand nur darüber nachdenken kann!? Ich hatte regelrecht Angst vor dem Tod. Wie kann jemand das Leben nicht mehr für wertvoll erachten?
Erklären kann ich dir das nicht, aber du weißt was ich meine, wenn du dich damit schon beschäftigt hast.
Das ist genau das was ich jetzt machen werde – mir Hilfe holen. Bei einem Therapeuten, Coach, wen auch immer ich für vertrauenswürdig finde. Denn ich habe mich sehr weit von mir selbst entfernt.
Seltsamerweise denke ich immer noch “Ich bin genauso richtig wie ich bin”, aber gleichzeitig bin ich völlig überlastet und depressiv. Dem werde ich noch auf den Grund gehen. Wenn ich eine Antwort für mich gefunden habe schreibe ich sie dir.
Wichtig ist, dass ich mit meinen Gedanken nicht mehr alleine bin. Ich bin bereit mir den Schmerz anzusehen und loszulassen. Auch das wird seine Zeit benötigen. Meistens hilft es jemanden zu haben, der einfach nur zuhört. Hier und da einen Gedanken aufgreift und aus einem anderen Blickwinkel Dinge sieht, für die du gerade einfach blind bist. Das mag von außen manchmal sehr einfach aussehen, aber es lässt jedes Mal einen Knoten platzen – wieder ein Stückchen Schmerz verarbeitet.
Olga Homering hatte in einem ihrer Webinare davon gesprochen: “Glücklich sein ist eine Entscheidung!”
Das ist zu meinem Motto geworden, auch wenn ich das während meiner Depressionen nicht verfolgen kann – oder nicht umsetzen will?
Ich kann es dann wieder, wenn ich meinen Schmerz angenommen und losgelassen habe. Wenn ich Freude am Leben gefunden habe und wieder bei mir angekommen bin.
Erst dann kann ich auch behaupten ich kann anderen Menschen helfen. Solange ich aber selbst Hilfe brauche bin ich niemandem ein Vorbild.
Während der Depressionen habe ich oft diese traurige Vorstellung, dass ich nie wieder glücklich werden kann. Es ist wie ein Teufelskreis der mich immer tiefer runterzieht. Eher eine Teufelsspirale…
Wie ich mich da wieder herausziehe hast du jetzt ja gelesen. Einfach ist das nicht, aber ich sage es mal so – was habe ich groß zu verlieren?
Ich kann dabei doch nur Glück und Frieden gewinnen! Und genau das ist ja mein innerster Wunsch. Mit dieser Aussicht – das Leben wieder genießen können – werde ich es auch aus dieser Phase schaffen.
Solltest du gerade in einer ähnlichen Situation stecken – vielleicht hilft dir mein Weg ein wenig?
Du kannst übrigens Tag und Nacht bei der Telefonseelsorge anrufen oder dich dort per Chat und Mail melden: https://www.telefonseelsorge.de
Ich wünsche Dir und mir Glück und Frieden
Deine Julia Amelie
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]]>Der Beitrag Wie kann eine psychische Krise nach der Geburt sofort erkannt werden? erschien zuerst auf Mama hat AuDHS.
]]>Etwa um den dritten bis fünften Tag nach der Entbindung fallen die Hormonspiegel, die sich in der Schwangerschaft gebildet hatten, sehr plötzlich wieder ab.
Rohde, Anke: Postnatale Depressionen und andere psychische Probleme. Ein Ratgeber für betroffene Frauen und Angehörige. Stuttgart 2014, S. 19.
Das heißt du fühlst dich teilweise überglücklich, im nächsten Moment weinst du usw. – das ist völlig normal! Nicht nur das Kind wird von dir geboren sondern auch du wirst als Mama geboren. Auf diese neue Situation mit Baby kann dich keiner richtig vorbereiten. Der Babyblues macht dich zwar leicht labil, ist aber selten der Auslöser für eine psychische Krise.
Es gibt verschiedene Risiken, die postnatale (lat. “post” = “nach”; lat. “natus” = “Geburt”) Depressionen hervorrufen können. Psychische Krankheiten vor und in der Schwangerschaft sowie eine als schlimm und schmerzhafte erlebte Geburt bergen ein hohes Risiko. Wirst du als Mutter dann nicht richtig begleitet oder bekommst wenig bis gar keine Hilfe ist es noch höher. Zu den Risiken und Symptomen werde ich einen extra Artikel verfassen.
Das erste Anzeichen für eine Wochenbettdepression sind ausbleibende Glücksgefühle nach dem Babyblues. Du weinst oft und kommst mit der Situation nicht wirklich zurecht. Vielleicht wirkt dein Baby nicht real und es fühlt sich wie eine Puppe an? Du fällst in eine Art Loch und du fühlst plötzlich gar nichts mehr. Es gibt viele verschiedene Symptome und sie können teilweise auch erst ein bis zwei Jahre nach der Geburt auftreten.
Solltest du nicht wirklich zum duschen, essen oder schlafen kommen hol dir Unterstützung! Ja, dein Partner muss vielleicht arbeiten und am nächsten Tag früh raus, aber du bist in diesem Fall nicht weniger wichtig. Vielleicht können die Nachbarn oder ein Elternteil für dich kochen. Über die Krankenkasse gibt es oft eine Haushaltshilfe. So kannst du dir die Umgebung leichter gestalten um dich zu erholen und dich auf dich und dein Baby zu konzentrieren.
Solltest du dich trotz Hilfe überlastet fühlen mach bitte die EPDS (=Edinburgh Postnatal Depression Scale)! Du kannst sie schnell und anonym auf meiner Seite ausfüllen: Selbsttest
Solltest du über 12 Punkten landen: Wende dich bitte an deinen Hausarzt, an deine Hebamme, an deine Frauenärztin oder Therapeuten.
Du kannst den Selbsttest jede Woche wiederholen wenn du das Gefühl hast es geht dir schlechter.
Zudem gibt es den Verein Schatten & Licht e.V. der auf psychische Krisen nach der Geburt spezialisiert ist. Auf seiner Homepage findest du diverse Beschreibungen und Selbsthilfegruppen.
Wenn du das Gefühl hast die betroffene Mutter ist anders als sonst, weint viel oder zieht sich extrem zurück: Nimm dir die Zeit und frag nach wie es ihr geht! Höre aufrichtig zu und lass Tipps oder Vorwürfe bitte weg!
Biete ihr an den Selbsttest auszufüllen, du kannst ihn übrigens auch bei Schatten & Licht e.V. ausdrucken: Selbsttest drucken
Es ist außerdem eine gute Hilfestellung der Betroffenen anzubieten mit ihr zum Arzt zu gehen oder währenddessen auf das Baby aufzupassen.
Das sind die ersten schnellen Hilfsmaßnahmen die du ergreifen kannst.
Sie sind übrigens keinesfalls umsonst: Postnatale Depressionen sowie posttraumatische Belastungsstörungen (Geburtstrauma) können geheilt werden!
Wie ich da selbst wieder rausgekommen bin schreibe ich demnächst ausführlich. Tatsächlich ist sogar dieser Blog mit Schuld daran!
Bis bald!
Deine Julia
Der Beitrag Wie kann eine psychische Krise nach der Geburt sofort erkannt werden? erschien zuerst auf Mama hat AuDHS.
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